1. Casas Colgadas
Holzbalkone ragen über einen gähnenden Abgrund hinaus und trotzen der Schwerkraft auf eine Weise, die einen am Verstand der Architekten aus dem 15. Jahrhundert zweifeln lässt. Diese Bauten sind das visuelle Markenzeichen der Stadt. Sie klammern sich mit einer Zähigkeit an die Felswand der Huécar-Schlucht, die vom Boden aus betrachtet fast unmöglich erscheint. Während ein Großteil der ursprünglichen mittelalterlichen Häusergruppe im Laufe der Zeit verloren ging, erinnern die verbliebenen Gebäude an eine Ära, in der Platz innerhalb der Stadtmauern so knapp war, dass das Bauen in die freie Luft zur praktischen Notwendigkeit wurde.
Im Inneren bilden knarrende Dielen und raue Steinwände die atmosphärische Hülle für das Museum für abstrakte Kunst. Beim Gang durch die Räume spürt man ständig den Abgrund, der nur Zentimeter entfernt liegt. Der Blick aus den kleinen Fenstern bietet eine schwindelerregende Perspektive auf den tief unten fließenden Fluss. Es ist eine körperliche Erfahrung von Höhe und Geschichte, weit entfernt von der sterilen Sicherheit moderner Aussichtsplattformen. Die meisten Reiseführer listen dies als Top-Ziel auf, aber kaum jemand erklärt, dass man sie am besten versteht, wenn man direkt unter ihnen auf dem Wanderweg steht. Von dort aus sieht die bauliche Leistung noch gewagter aus.
Man muss sie unbedingt von innen sehen, aber die Außenansicht verändert sich dramatisch mit dem Licht. Mittags flacht die grelle Sonne die Felswand ab, doch die Schatten am späten Nachmittag lassen die Textur der Klippe und die zerbrechlich wirkenden Stützen erst richtig hervortreten. Nachts verwandeln goldene Flutlichter die Häuser in schwebende Laternen gegen die schwarze Leere der Schlucht, was ihnen eine völlig andere, fast gespenstische Präsenz verleiht.