1. Getreidegasse
Eiserne Zunftzeichen knarren über dem Steinpflaster und werfen lange Schatten in eine Gasse, die wie aus einer mittelalterlichen Skizze wirkt. Polierte Schaufenster internationaler Modeketten sitzen etwas unpassend unter jahrhundertealten Fassaden, während sich der Menschenstrom durch dieses Nadelöhr der Stadt schiebt. Bei Regen spiegelt das Kopfsteinpflaster das Blattgold von Mozarts Geburtshaus wider – ein leuchtend gelber Anker in einer sonst grauen Schlucht aus Bürgerhäusern.\n\nAm Hagenauerplatz weitet sich die Gasse etwas und man kann kurz durchatmen, bevor das Gedränge wieder dichter wird. Ein Blick nach oben zeigt die vertikale Geschichte Salzburgs. Versteckte Innenhöfe und 'Durchhäuser' – Passagen, die quer durch die Gebäude zum Fluss führen – dienen als geheime Ventile für alle, die die Abkürzungen kennen. Anders als die offenen Plätze weiter südlich zwingt dieser Raum zu einer körperlichen Nähe, die mittags anstrengend sein kann, abends unter dem bernsteinfarbenen Licht der Laternen aber sehr atmosphärisch wird.\n\nFrüher schleppten Händler Getreide durch diese Tore, was im Namen und in den hartnäckigen Zunftzeichen überlebt hat. Wer Salzburger Sehenswürdigkeiten vergleicht: Die Dichte an Schmiedeeisen ist hier konkurrenzlos. Ein kurzer Fußweg führt direkt auf die offene Fläche des Grünmarkts, wo der Duft von Luxusparfüm gegen den scharfen Geruch von Bergkäse getauscht wird.